24.08.2007
Chemie ist sehr poetisch
Der Spiegel, n. 33 13.08.2007
Beim Weltkongress in Turin wollten sich die Chemiker als Vorkämpfer für
Umwelt und Gesundheit feiern. Doch ein Nobelpreisträger verdarb die Jubelstimmung – mit
Theater.
Wenn er erzählt, mit leisem, poetischem Singsang, von Verbindungen und
Verwandlungen, von Anziehungen und Wertigkeiten, muss man sich manchmal fast
kneifen, um sich zu erinnern: Der Mann redet von Chemie.
Roald Hoffmann nimmt sein Fach persönlich. „Viele
Chemiker klammern sich an Formeln“, sagt er. Doch ihre eigentlichen
Motive seien Hoffnung, Sorge, Gier – und natürlich die Erinnerung
daran, was sie als Kinder in der Schule zu diesem Fach hinzog: „das
Stinken und Knallen“.
Auf den ersten Blick wirkt der rüstige 70-Jährige wie ein Hippie-Dichter,
mit seinen zerknitterten Leinenhosen, dem bunten Schmuckbändchen am rechten
Handgelenk und der handgemachten Brosche am linken Revers.
Die Brosche ist ein Insiderwitz. Seinesgleichen trägt sonst gern am linken
Revers eine Anstecknadel mit dem Porträt von Alfred Nobel. Auch Hoffmann
bekam den Preis für seine Arbeiten in der theoretischen Chemie. Aber seine
Brosche zeigt eine Art eckiges Smiley-Gesicht.
Diesmal ist sein Forum die Weltkonferenz der internationalen Chemikervereinigung
IUPAC, die vergangenen Freitag im norditalienischen Turin zu Ende ging. Mit
sanfter Stimme appelliert er an das Gewissen: „Egal ob man ein Gewehr
macht oder ein Molekül, ein Gemälde oder ein Gedicht, man sollte
immer fragen: Könnte ich damit jemandem Schaden zufügen?“
Dann beginnt er ein Experiment: Er zeigt ein Theaterstück, das er selbst
geschrieben hat. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Chemikervereinigung,
dass einer der Hauptvorträge in Form eines Schauspiels gehalten wird.
Der Plot: Ein Chemiker hat Selbstmord begangen. Er hatte ein tödliches
Nervengift entwickelt, das in die Hände von Kriminellen gelangt ist. Hat
ihn die Verzweiflung in den Tod getrieben? Eine Stunde lang diskutiert seine
tief zerstrittene Familie über diese Frage. Am Ende liegt man sich in
den Armen und weint, die Musik schwillt an. Vorhang. Verhaltener Applaus.
Das Stück heißt „Should’ve“ – „Hätte
man bloß“ [Se
si può, si deve?, Di Renzo Editore, Roma]. Literarisch
ist es kein großer Wurf. Es geht drunter und drüber, im Schweinsgalopp
vom Holocaust über die Spanische Grippe bis zum Papst und zur Unvereinbarkeit
von Forscherleben und Familie, das alles in 26 kurzen Szenen.
Und dennoch entfaltet das Theaterstück in den folgenden Tagen eine erstaunliche
Wirkung als Katalysator für vielerlei Reaktionen. Denn die Chemie ist
zerrissen in viele hochspezialisierte Fachbereiche, die kaum eine gemeinsame
Sprache finden. Im Zweifelsfall also redete man dann einfach über Hoffmanns
Stück – und darüber, warum man es nicht mochte.
Hoffmann verbucht auch Kritik als Erfolg: „Hauptsache, wir reden miteinander.“ Sein
Familiendrama soll schließlich der zerrissenen Familie der Chemiker zu
einem neuen, positiven Selbstbild verhelfen. Denn die Zunft fühlt sich
missverstanden von der Öffentlichkeit. „Manche Leute setzen Chemie
gleich mit Umweltverschmutzung“, schimpft etwa Javier García-Martínez.
Der 34-jährige Professor forscht in Alicante an effizienteren Arten der
Benzingewinnung. „Viele Leute vergessen, dass wir nur mit Hilfe von Chemie
die großen Probleme lösen können, von Seuchen bis zur Energieversorgung.“
Stundenlang hat er diskutiert, warum der Zitronensäurezyklus viele Schüler
abschreckt, warum Chemiker als verschlossene verschlossene Käuze gelten,
die in muffigen Labors hocken, kurz: warum Chemie als unsexy gilt. Die Physik
hat Pop-Ikonen wie Einstein oder Hawking hervorgebracht, die Biologie hat ihren
Darwin. Zur Chemie fällt vielen eher DDT, Seveso oder Giftgas ein.
Chemiker bauen Erbgutmoleküle für Biologen, erschaffen Medikamente
für Mediziner und liefern Daten für die Physik – schnell entsteht
da der Eindruck, sie leisteten bloße Handlangerdienste für Fachbereiche
mit mehr Strahlkraft. Das Wissenschaftsmagazin „Nature“ warnte
unlängst ebenfalls vor dieser Entwicklung.
Was also macht die Stärke der Chemie aus? So moralisierend viele Kollegen
Hoffmanns Einwürfe auch finden, so scheint er ihnen doch der richtige
Mann, um das Fach aus der Identitätskrise zu führen. „Die
Physik forscht nach dem Kleinsten, die Astronomie nach dem Größten,
aber die Chemie erkundet die menschliche Dimension“, philosophiert der
Molekülpoet, als rezitierte er ein Gedicht, während er in einem Café in
seinem Sessel fast versinkt. Sein Blick geht in die Weite, er knabbert versonnen
an karamellisierten Nüsschen, die heute sein Mittagessen ersetzen. „Was
Chemiker erschaffen, kann Gift sein oder Medizin, aber immer geht es direkt
um den Menschen.“
Hoffmanns Erzählungen sind assoziativ, oft verschmelzen darin Autobiografie
und Moleküle zu einem überraschenden Amalgam. Seinen Vornamen verdankt
er dem Polarforscher Roald Amundsen. Als Kind musste er sich mit seiner Familie
in einem Verschlag in der heutigen Ukraine vor den Nazis verstecken. Sein Vater
wurde im KZ umgebracht. 1949 kam er mit seiner Mutter in die USA, ging in der
Bronx zur Schule. Eigentlich wollte er Literatur studieren. Seine Mutter wollte,
dass er Arzt wird. Der Kompromiss: Er wurde Chemiker. Und schrieb weiter Gedichte.
„Chemie ist sehr poetisch“, sinniert er, „denn sie hat keine
einheitliche Theorie, jedes Element verhält sich anders, alles ist sehr
konkret.“ Einmal im Monat veranstaltet er eine Art Chemie-Kabarett auf
einer kleinen Bühne in New York. Sein erstes richtiges Bühnenstück
schrieb er 2001 gemeinsam mit Carl
Djerassi, dem Vater der Anti-Baby-Pille. Der Titel: „Oxygen“.
Hauptfigur ist der französische Rechtsanwalt Antoine Laurent Lavoisier,
der 1777 mit der Entdeckung des Sauerstoffs die moderne Chemie begründete.
Apropos Sauerstoff, sagt Hoffmann und beginnt von seinem Lieblingsmolekül
zu schwärmen: Hämoglobin. Das Bluteiweiß, das den Sauerstoff
aus der Luft bindet, ist für Hoffmann eine mikroskopische Skulptur „von
geradezu barocker Pracht“, die aussehe wie „vier Würmer beim
Sex“.
Tag für Tag flaniert Hoffmann durch die Konferenzsäle und lauscht
den Vorträgen junger Kollegen. Sie referieren über effektivere Brennstoffzellen
als Ersatz für Benzinmotoren; über Nanomaschinen, die im Körper
Krebszellen erkennen; über sanftere Methoden, mittelalterliche Bibeln
zu restaurieren.
Auch Hoffmanns Nobelpreiskollege Kurt Wüthrich von der ETH Zürich
berichtet Bahnbrechendes: Seinem Team ist es gelungen, die Erreger des Rinderwahns
in ihrer Struktur zu bestimmen und per Gentherapie auf Mäuse zu übertragen,
um später ein Medikament zu entwickeln. Hoffmann kommentiert lediglich: „Ich
denke, er hat sich genau überlegt, ob die künstliche Herstellung
eines Krankheitserregers Schaden anrichten kann.“
Die Vorträge geben ihm immer neue Gelegenheit, das Leitmotiv seines Lehrstücks
zu variieren. Die Schönheit der Moleküle mit blumigen Metaphern zu
feiern ist die eine Hälfte seiner Story. Die andere besteht aus Verweisen
auf Moral und auf Geschichte – vor allem auf die deutsche.
Derzeit spaltet ein Streit die Chemikergemeinde: War Peter Debye, der Nobelpreisträger
von 1936, ein Kollaborateur oder ein Opfer? Die niederländische Universität
Utrecht zumindest sah sich 2006 gezwungen, ihr Debye-Institut umzubenennen.
Und wie steht es mit Richard Kuhn, dem Nobelpreisträger von 1938, der
im Krieg Nervengase wie Sarin mitentwickelte? Nach dem Krieg war er Vizepräsident
der Max-Planck-Gesellschaft. Erst im Jahr 2005 wurde die Vergabe der „Richard-Kuhn-Medaille“ gestoppt – 60
Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur.
Immer wieder verweist Roald Hoffmann auf derlei wunde Punkte. Höhepunkt
ist eine Sitzung zu den Fragen, die sein Theaterstück aufgeworfen hat:
Brauchen Chemiker einen Verhaltenskodex, so wie Ärzte, Pfarrer oder
Juristen? Eine italienische Delegation stellt voller Elan den Entwurf einer
Art Hippokratischen Eids für Chemiker vor.
Hier in Turin, erzählt Hoffmann, wirkte der Schriftsteller Primo
Levi. Als Jude wurde er deportiert. Doch er überlebte Auschwitz – weil
er als promovierter Chemiker in den Buna-Werken eingesetzt wurde. In einer
Chemievorlesung, erzählt Hoffmann, habe er Levis Autobiografie „Das
periodische System“ zur Pflichtlektüre gemacht.
„Die Chemie hat lange Zeit vieles verdrängt“, sagt Hoffmann, „immer
mit dem Hinweis, dass das Fachliche und das Gesellschaftliche streng getrennt
sind.“ Er spielt mit seinem bunten Armband. „Aber irgendwann,
das lehrt uns Freud, kommt das Verdrängte doch wieder hoch.“
Als er einen Vortrag über Primo Levi hält, lauscht das Publikum gebannt,
und das Lokalfernsehen berichtet. Sein Experiment scheint geglückt: Die Öffentlichkeit
nimmt endlich Anteil an der Chemie, die sie sonst fürchtet, verschmäht,
ignoriert.
Hilmar Schmundt
|
|
 |